Diese Webseite verwendet im Normalbetrieb keine Cookies. Es sei denn, Sie schreiben hier Kommentare. Oder Sie versuchen sich anzumelden.cookies policy.     HABS KAPIERT

Es war einmal vor langer Zeit in einem Land, weit weit entfernt von hier. Es war das Reich der Braven. Das führte viele Jahre Krieg gegen ein anderes Land, dem Land der Fiesen. Sie führten untereinander keinen Krieg mit Soldaten und Schwertern, es war eher ein politischer und wirtschaftlicher Krieg. Jedes Land schalt das andere, es würde alles falsch machen. Man intrigierte und verleumdete sich gegenseitig. Die Gelehrten, die Geschäftsleute, die Handwerker und die Bauern der beiden Länder waren spinnefeind und ließen kein gutes Haar an den Kollegen des jeweils anderen Landes. Die Ritter und die Fußsoldaten auf beiden Seiten bekamen immer bessere und stärkere Waffen, damit sie gegen einen Angriff der Gegner gewappnet waren. Und gegenseitig drohten sie einander, die Welt in den Abgrund zu reißen wenn die anderen es wagten sie anzugreifen.

Doch eines schönen Tages fanden die Fiesen, dass sie eigentlich gar nicht fies sein wollten. Sie legten einfach ihre Waffen nieder und streckten den Braven die Hand zur Versöhnung entgegen. Der niemals erklärte Krieg fand ein jähes Ende. Im Reich der Braven und in der übrigen Welt herrschte eitel Freude. Endlich gab es einen dauerhaften Frieden. Niemand musste sich mehr vor der Zukunft fürchten. Und so begannen glückliche Jahre.

Leider währte das Glück nicht sehr lange im Reich der Braven. Die Handwerker, die bis dahin die Waffen anfertigten und gut davon lebten, hatten plötzlich keine Arbeit mehr. Ebenso erging es den Geschäftsleuten, die dem Militär all die Waffen verkauften. So zogen sie zusammen zum Schloss des Königs. Sie verlangten nach einem neuen Krieg, damit sie wieder Taler verdienen konnten. König Georg I. – der zu der Zeit das Reich der Braven regierte – war kein sehr weiser Mann. Aber er hatte reiche Freunde. Die hoben ihn einst auf den Thron. Einige von denen verdienten ebenfalls viele Taler an dem lange währenden Krieg, der niemals ausgebrochen war. Auch bei ihnen drohte der stete Strom an Talern zu versiegen.

TinktankIn ihrer Not gingen sie zu dem bösen Zauberer Tinktank und trugen ihm ihre Sorgen vor. Tinktank musste nicht lange nachdenken. Er sagte: »Nun; wenn ihr den alten Feind verloren habt, der euch einträglich verdienen ließ, dann müsst ihr einen neuen schaffen. Einen den man nicht mehr so leicht verlieren kann. Der neue Feind muss sein wie ein Geist. Sichtbar und unsichtbar zugleich. Greifbar und doch niemals fassbar. Überall und nirgendwo«.

Es gingen Jahre ins Land und die Regierung der Braven gab sich redlich Mühe, einen Feind zu schaffen wie Tinktank ihn beschrieben hatte. Doch so recht wollte es ihr nicht gelingen. Niemand glaubte wirklich an die Schreckgespenster, die ihnen die Braven vorführten. Inzwischen ging es der Wirtschaft immer schlechter. Ein neuer König versuchte sein Glück mit einer völlig neuen Art von Ökonomie. Und er scheiterte ebenso, wie Georg I. mit seinem Popanz. Die Taler, mit denen die Braven überall in der Welt bezahlten, waren unterdes immer weniger wert. Denn sie waren schon lange nicht mehr von Gold oder Silber, sondern aus schnödem Papier.

Dann kam König Georg II. an die Macht, der Sohn von Georg I. Auch er gelangte mithilfe der reichen Freunde seines Vaters auf den Thron. Und wie Georg I. war auch er nicht mit großen geistigen Gaben gesegnet. So schickte er nach dem bösen Zauberer Tinktank, er möge ihm Rat geben. Tinktank erschien in einer Rauchwolke wie aus dem Nichts vor dem König und erkannte sofort, dass es mit Georg II. noch schwerer sein würde seine Idee zu teilen. Also hub er an, ein Märchen zu erzählen:

»Es war einmal ein Räuberhauptmann. Der war so bitterböse, dass Spiegel zersprangen wenn er auch nur einmal hinein blickte. Deshalb hatte er bald einen langen Bart, weil er sich nicht rasieren konnte. Das machte ihn noch böser. Der böse Räuberhauptmann versteckte sich mit seiner kaum weniger bösen Räuberbande in den Bergen eines fernen Landes, das Weitweitweggistan heißt.

Eines Abends, als den Räuberhauptmann in den Bergen von Weitweitweggistan die Langeweile plagte, da rief er neunzehn seiner treuesten Räuber zu sich und sagte: ›Wir müssen einmal wieder etwas ganz ganz Böses tun, damit alle Welt sieht wie böse wir sind‹. Sprach es und ersann noch in der gleichen Nacht einen furchtbaren Plan.

Am folgenden Morgen sandte er seine neunzehn Getreuen in das Reich der Braven. Dort sollten sie von den Meistern der Flugmaschinen das Fliegen erlernen. Die Neunzehn waren nicht bang. Sie machten sich auf den Weg und gelangten nach Absurdistan, wo sie erst die Sprache und die Gebräuche des Landes der Braven erlernten. Dann zogen sie weiter in das Reich von König Georg II. Dort angekommen wurden die neunzehn Räuber bei den Meistern vorstellig, wie ihnen geheißen.

Flugmaschine

Sie sagten den Meistern: ›Geehrte Meister, unser Herr schickt uns zu euch um die Kunst des Fliegens zu erlernen. Es soll euer Schaden nicht sein. Ihr möget viele Taler Lehrgeld dafür erhalten‹. Die Meister willigten freudig ein, denn Taler konnten sie gut gebrauchen. Sogleich machten sich die Räuber an ihr finsteres Werk und übten wie man eine Flugmaschine in die Luft erhebt und sie lenkt. Einzig wie die Maschine wieder auf den Boden kommt, ohne dass sie sogleich in tausend Teile zerspringt, dem schenkten die Neunzehn wenig Beachtung.

Die Meister der Flugmaschinen wunderten sich sehr, wo doch letztere Fertigkeit die Wichtigste ist. Aber weil sie jedesmal viele Taler bekamen sagten sie sich, das sei wohl Brauch in Weitweitweggistan. Und so lernten die neunzehn Räuber wacker weiter. Erst mit kleinen Maschinen, dann mit etwas größeren. Zuletzt übten sie das Fliegen mit den ganz großen Flugapparaten, wo hunderte Reisende mitfliegen können.

Als die bösen Räuber meinten dass sie genug gelernt hätten, sandten sie eine Botschaft in die Berge von Weitweitweggistan zu ihrem bösen Räuberhauptmann. Der schickte ihnen einen finsteren Mann, der die Neunzehn nun in das Ziel des bitterbösen Planes einweihte. Die Räuber sollten vier große Flugmaschinen stehlen und damit Furcht und Schrecken verbreiten. Ein weiteres Mal taten sie wie ihnen geheißen und teilten sich in vier kleine Banden. Jede danach trachtend eine der großen Flugmaschinen zu stehlen.

So einfach war das indes nicht, denn die Maschinen wurden bewacht. Doch schlau verkleideten sich die Räuber als gewöhnliche Reisende und taten als wollten sie mitfliegen. Aber nur bis die Maschinen in der Luft waren. Dann gingen sie zu den Meistern, die die großen Apparate lenkten, und drohten, sie mit ihren Messern zu peinigen. Voller Furcht flüchteten die Meister der Flugmaschinen von ihren Plätzen und setzten sich woanders hin.

Nun hatten die Räuber die Macht über die vier Flugapparate. Und erfüllten den bösen Plan ihres noch böseren Räuberhauptmannes. Zwei Flugmaschinen flogen sie gegen zwei turmhohe Schlösser in der größten Stadt von König Georgs Reich. Eine Maschine stürzten sie in eine riesige Burg, wo viele Beamte des Kriegsministers von König Georg arbeiteten. Nur die letzte Maschine, die flog einfach weg. Jedoch fiel sie später zu Boden und zersprang in tausend Stücke. Man sagt, die übrigen Reisenden in dem Fluggerät wären mit den Räubern in Zwist geraten«.

König Georg II. und seine reichen Freunde lauschten wie gebannt der Geschichte, die der böse Zauberer zum Besten gab. Doch als Tinktank seine Erzählung unvermittelt enden ließ, da sahen sie sich nur gegenseitig ratlos an. Erst langsam begriffen sie, dass der Zauberer ihnen einen Feind erfunden hatte und eine Möglichkeit zu beweisen, wie böse und bedrohlich dieser Feind sei. Zunächst waren sie voller Freude über diese gute Idee und lobten Tinktank für seine Klugheit. Aber dann hatten sie viele Zweifel. Wo sollten sie einen so bösen Räuberhauptmann wie beschrieben her bekommen? Und wer ist so wirr im Kopf, dass er sich freiwillig mit einer Flugmaschine in ein Schloss oder eine Burg stürzt? Wie sollte man das Militär daran hindern, sich den Flugmaschinen entgegen zu stellen?

Der Zauberer war erzürnt über so viel Unverstand. »Ihr Narren!«, schalt Tinktank die illustre Runde. »Ihr sollt niemand finden, der es macht! Ihr sollt es selbst machen!«. Dann grollte er: »Bezahlt ein paar ausländisch aussehenden Leuten die Ausbildung bei den Meistern der Flugmaschinen! Aber lasst sie nicht selbst fliegen! Lenkt die Flugmaschinen mit Schnüren, wie auf einem Theaterboden! Und am Ende erzählt ihr das Märchen das ich euch eben vorgetragen habe!«. Rief es und verschwand mit einem Knall in einer Wolke aus Pulverqualm.

König Georg II. ließ seinen Geheimdienstminister von den Anweisungen Tinktanks wissen. In nur wenigen Monaten wurde der Plan des Zauberers unter allerstrengster Geheimhaltung vorbereitet. Und damit an dem Tag – an dem das Grauen Wirklichkeit werden sollte – niemand stört, ließ der König das Militär und viele Zivilisten eine Übung gegen Überfälle eines imaginären Gegners exerzieren. So fand es auch niemand verdächtig, als sich vier große Flugmaschinen in eine andere Richtung begaben denn sie sollten. Am Ende des Tages zählten die entsetzten Bürger im Reich der Braven die Opfer zu Tausenden.

Georg II. gab sich über die vielen Toten in seinem Lande sehr sehr traurig. In gespielter Wut drohte er allen, die nicht mit ihm waren, die Rache der Braven an. »Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns!«, rief er trotzig aus so dass ein Jeder es hören sollte. Inzwischen sorgte der Geheimdienst für die Verbreitung von Tinktanks Märchen. Und bald wusste jeder in der Welt, welcher Bösewicht hinter diesen grausamen Taten steckte. Nämlich der böse Räuberhauptmann, der sich in den Bergen von Weitweitweggistan versteckt hielt.

Eilig hieß Georg II. seinen Kriegsminister er möge Soldaten nach Weitweitweggistan ausschicken um den erfundenen bösen Räuberhauptmann zu fangen. Dort regierte zu der Zeit anstelle eines Königs eine Bande von tumben Hinterwäldlern. Die waren König Georg II. und seinen reichen Freunden schon lange nicht mehr genehm. Des Königs Soldaten vertrieben und ermordeten die Hinterwäldler für die Freiheit im Reich der Braven. Dann vertrieben und ermordeten sie alle, die den Hinterwäldlern freundlich gesinnt waren. Oder jene, die sie dessen ziehen. Männer, Frauen und Kinder. Ohne Unterschied. Allein des Räuberhauptmannes konnten sie freilich nicht habhaft werden.

Die Wirtschaft im Reich der Braven gedieh wieder. Denn man hatte längst gelernt; wenn Krieg ist dann fließen die Taler. Doch das war König Georg II. und seinen reichen Freunden noch nicht genug. Für die Freiheit im Reich der Braven bezichtigte er Scheich Kassam von Mesopotamistan, er mache mit dem bösen Räuberhauptmann – der sich angeblich in den Bergen von Weitweitweggistan versteckt hielt – gemeinsame Sache. Abermals befahl er dem Kriegsminister er möge Soldaten entsenden, um den bösen Scheich Kassam zu fangen und sein Gefolge zu ermorden. In Mesopotamistan ermordeten des Königs Soldaten noch viel mehr Gefolgsleute oder solche, die sie dafür verdächtigten. Männer, Frauen und Kinder. Sie machten keinen Unterschied.

Scheich Kassam – ein einstmals tyrannischer Herrscher – wurde nach einem schrecklichen Krieg von des Königs Häschern in Bande geschlagen. Ein Gericht, eingesetzt im Namen des Volkes von Mesopotamistan aber von des Königs Gnaden, fällte flugs ein Todesurteil und ließ Kassam für seine Taten aufhängen. Doch fragte sich das geschundene Volk von Mesopotamistan noch lange, was eigentlich schrecklicher war. Scheich Kassams Tyrannei oder die Befreiung von seiner Herrschaft, die weit über eine Million Opfer kostete.

Der böse Räuberhauptmann aus Tinktanks Märchen wurde Jahre später in der Wirklichkeit gefangen genommen und getötet. Man sagte es den Braven jedenfalls so. Niemand durfte Bilder von ihm sehen. Seinen Leichnam warf des Königs Geheimdienst auf hoher See über Bord. Wohl wissend dass es kein Leichtes wäre, Tinktanks Märchenfigur ordentlich in ein Grab zu betten.

Des Königs Soldaten indes mordeten munter weiter. In Weitweitweggistan, in Mesopotamistan und an anderen Orten, fern von hier. Denn der Krieg musste immer weitergehen, damit die Wirtschaft im Reich der Braven und seiner Vasallen funktionieren konnte. Und wenn die Soldaten nicht gestorben sind, dann morden sie noch heute.

MfG
Hans

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