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Bereits am Samstag voriger Woche kamen die ersten Schreckensmeldungen: Kernschmelze in Fukushima! Dann hieß es, eine Kernschmelze in den Unglücksreaktoren stünde unmittelbar bevor. Wenig später hörte man von so genannten Experten, es hätte ganz sicher eine teilweise Kernschmelze in einem der Reaktoren gegeben, weil angeblich jemand irgendwo radioaktives Cäsium gemessen hätte. Und dann tönte es wieder, eine Kernschmelze sei nicht auszuschließen, wenn das Kühlproblem in den havarierten Reaktoren nicht innerhalb von 24 Stunden gelöst würde. Selbsternannte Atomexperten malten uns auf allen Sendern in düsteren Farben aus, warum eine Kernschmelze in den betroffenen vier Reaktoren unvermeidlich sei. Eine Sprecherin vermeldete in den Mittagsnachrichten mit aufgeregter Stimme, die Kernbrennstäbe in einem Reaktor lägen jetzt komplett trocken. Das war Mittwoch. Geschmolzen ist bis heute offenbar nichts. Irgendwann schoss mir der Begriff Schmelzkäse durch den Kopf.

Man fühlt sich bei den Fukushima-Reaktoren ein wenig an Schrödingers Katze erinnert. Erwin Schrödinger, Nachfolger von Max Planck an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und Physiknobelpreisträger, hatte ein Gedankenexperiment angestellt: Er verschränkte im Geiste das Leben einer Katze mit einem instabilen Atomkern. Sollte der Atomkern zerfallen, müsste die Katze sofort sterben. Herzlos, aber das fand wenigstens nur in seinem Kopf statt. Atomkern und Katze befänden sich laut Schrödinger in einem hermetisch abgeschlossenen Raum. Niemand wüsste also sicher, ob die Katze zu einem Zeitpunkt x tot oder lebendig wäre. Sie demnach zur gleichen Zeit sowohl tot als auch lebendig sein müsste. Erst wenn jemand nachschauen würde, gäbe es Gewissheit über ihren tatsächlichen Zustand.

Siedewasserreaktor der Fukushima-KlasseSchrödingers Gedankenexperiment hatte natürlich einen ganz anderen Hintergrund. Aber im Kern lässt es sich übertragen. Niemand weiß zurzeit, ob die Kernbrennstäbe in den kritischen vier Reaktoren von Fukushima bereits im Schmelzen begriffen sind. Denn nachschauen geht nicht. Analog zu Schrödingers Katze sind sie geschmolzen und intakt zugleich. Fakt ist, dass die Steuerstäbe bei der Notabschaltung hydraulisch zwischen die Brennstäbe geschoben wurden. Die Kernreaktion also wegen Mangels an schnellen Neutronen unterbunden ist. Analogien zur Tschernobyl-Katastrophe sind demzufolge populistischer Unsinn. Trotzdem müssen die Brennstäbe wegen der Nachzerfallswärme weiterhin gekühlt werden. Aufgrund des Erdbebens war die externe Stromversorgung für die Kühlwasserpumpen ausgefallen, also griff man auf die vorhandenen Notstromaggregate zurück. Aber die wurden kurz darauf von dem Tsunami überflutet und unbrauchbar gemacht. Die letzte Bastion, die Notstromakkus in den Reaktorgebäuden, waren zwar geladen und lieferten Strom. Doch nach der Flutwelle griffen nun die Kühlwasserpumpen ins Leere.

Die Reaktoren von Fukushima arbeiten mit Meerwasserkühlung. Damit konnte sich die Betreibergesellschaft aufwändige und teure Kühltürme sparen. Das funktioniert gut, denn Meerwasser steht überreichlich zur Verfügung. Nur hatte man bei den Sicherheitsüberlegungen die Gefahr eines Tsunami unterschätzt. Der Tsunami am Freitag vor einer Woche überflutete die Kühlwasserleitungen, verstopfte sie mit Schlamm und Unrat. Da halfen alle Notstromversorgungen nicht mehr weiter. In Folge begann das im Primärkreislauf vorhandene Wasser des Reaktors zu kochen. Dabei entwickelte sich nicht einfach nur Wasserdampf. Die hohe Temperatur von über 500 °C spaltete die Wassermoleküle in Wasserstoff und Sauerstoff auf. Knallgas, wie wir es noch aus dem Physikunterricht kennen, entstand. Es gelangte durch Überdruckventile in die Reaktorgebäude und explodierte. Dabei wurde der obere Teil der Gebäude mehr oder weniger planmäßig abgesprengt. Nicht schön, aber immer noch besser als wenn das Reaktordruckgefäß platzt.

Doch Kühlung tut nach wie vor Not. Mutige Tokyoter Feuerwehrmänner schießen mit Löschfahrzeugen Wasserfontänen auf die Reaktoren. Während hierzulande alle möglichen Dummschwätzer als Atomexperten vor die Kameras treten und das Handeln der Japaner als hilflosen Aktionismus abtun, zeichnet sich mittlerweile vor Ort eine Stabilisierung der Lage ab. Diese Art der Notkühlung verschafft den Japanischen Technikern die Zeit, die sie brauchen um eine provisorische Versorgung mit Starkstrom aufzubauen und das Kühlsystem wieder flott zu kriegen. Wollen wir ihnen wünschen, dass sie mit ihrer Arbeit Erfolg haben. Und dass alle wieder heil zu ihren Familien zurückkehren können. Auch wenn ihnen besagte Dummschwätzer bereits einen baldigen schrecklichen Tod prophezeit haben.

Was hat sich zwischenzeitlich an der hiesigen Sicherheitslage geändert? Eigentlich nichts. Außer dass am gestrigen Samstag überall Menschen auf die Straße gingen und Anti-Atom-Mahnwachen oder Anti-Atom-Demonstrationen abhielten. Die Panikmacher haben ganze Arbeit geleistet. Jetzt sollen Deutsche Kernkraftwerke plötzlich mögliche Ziele von Terroristen sein. Schon klar. So genannte Treibhausgase kann man ihnen ja nicht andichten. Aber natürlich potenzielle Terroranschläge. Was für ein Schwachsinn. Wenn sich jemand mit einem Flugzeug in einen Kernreaktor stürzt oder eine irgendwie geartete militärische Waffe darauf abfeuert, dann erzielt er damit vielleicht einen GAU. Aber eben nur vielleicht. Das ist alles Science Fiction. Doch jeder von uns kann sich leicht konventionelle Szenarien ausmalen, bei denen Hunderte – eventuell Tausende – Opfer zu beklagen wären. Ganz ohne Atomkraftwerk. Ist etwas Vergleichbares, abgesehen vom Zweiten Weltkrieg, hierzulande bereits jemals geschehen?

Konnte man sich bei der Einführung von E10-Kraftstoff einmal darüber freuen, dass die breite Masse rational denkt und handelt, schießt die öffentliche Meinung bei der Kernenergienutzung vollends ins Kraut. Kein Wunder, bei dem was die einseitige und tendenziöse Berichterstattung den lieben langen Tag über den Äther schickt. Wer die Nachrichten aus Japan seit Freitag letzter Woche verfolgt hat wundert sich darüber dass unser Planet heute überhaupt noch existiert und bewohnbar ist. Bei so viel schrecklicher Gefahr, wie sie den heruntergefahrenen Atommeilern innewohnt, müssten wir eigentlich längst alle von einem atomaren Ultra-GAU gebraten worden sein. Es geht um Einschaltquoten. Die Sender – allen voran n-tv und n24 – bauen dabei auf eine Zuschauerklientel, die sich bevorzugt der modernen Endzeitstimmung hingibt. Entsprechend sind Information auf der einen und Informiertheit auf der anderen Seite gestrickt. Wenig Ratio, dafür umso mehr Hysterie und Untergangsromantik. In diesem Milieu kochen Politiker ihr populistisches Süppchen. So manche werden wohl ihren inneren Reichsparteitag zelebriert haben, als in den Reaktorgebäuden von Fukushima das Wasserstoff-Sauerstoff-Gemisch explodierte und die äußere Hülle wegflog.

FOCUS ONLINE - Soll Deutschland aus der Atomkraft aussteigen?
Siehe: FOCUS ONLINE

»Die Katastrophe beweist, dass der Mensch die Atomkraft nicht beherrschen kann. Darum müssen die Meiler sofort abgeschaltet werden«, so lautet das Credo eines Großteils der Bevölkerung, wenn man die aktuelle Umfrage von Focus Online als Grundlage nimmt. Die Katastrophe beweist, dass der Mensch die Atomkraft nicht beherrschen kann? Um Himmels willen! Warum hat denn nie jemand was gesagt, dass diese Technologie gar nicht beherrschbar ist? Jetzt mal mit etwas mehr Verstand. Die gegenwärtigen Umstände in Japan beweisen, dass es immer etwas gibt das man unterschätzen kann. Oder aus Kostengründen hartnäckig ignoriert. Doch wie viele ernst zu nehmende Störfälle gab es denn hierzulande bereits? Und mit wie vielen Opfern? Jährlich sterben alleine auf Deutschlands Straßen im Durchschnitt 4.000 Menschen. Wohlgemerkt jährlich! Wer so wie oben argumentiert, der müsste sofort jeglichen Kraftverkehr in Deutschland verbieten. Einschließlich Schiene, Schiff- und Luftfahrt. Denn diese Technologien sind noch weit weniger beherrschbar, wie die Opferzahlen in Relation beweisen.

Darum müssen die Meiler sofort abgeschaltet werden? Gefährlicher Unfug! Alleine wegen ihrer hohen Sicherheitsstandards sollten die Atommeiler in Deutschland weiter eingeschaltet bleiben. Mir persönlich sind 40 Jahre alte Deutsche Atomreaktoren allemal lieber, als das was mancherorts in Europa so betrieben wird. Denn diese weniger sicheren Reaktoren rund um Deutschland herum gehen ja nicht vom Netz, wenn die Deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet werden. Ganz im Gegenteil. Die Leistung, die man in Deutschland vom Netz nähme, würde in Tschechien und in Frankreich sofort nachinstalliert werden. Das wäre ein Riesengeschäft und genau genommen warten unsere Nachbarn nur darauf, dass unser Atomausstieg endlich stattfindet. Damit würde Deutschland zu einem abhängigen Stromimporteur. Denn diese Albernheiten mit Sonnen- und Windkraft sind in erster Linie teuer, aber niemals eine verlässliche und leistungsfähige Alternative. Außerdem verschandeln insbesondere die Windkraftanlagen ganze Landstriche. Die Atomkraft durch konventionelle Öl- und Gaskraftwerke ersetzen würde indes ebenfalls bedeuten, die Abhängigkeit von Energielieferungen aus dem Ausland weiter auszubauen. Vorläufig müssen wir weiterhin auf Atomkraft setzen. Das ist alternativlos – nur um das Unwort auch mal zu benutzen.

Nicht dass wir uns falsch verstehen. Ungeachtet all dessen bin ich schon seit mindestens 20 Jahren Atomkraftgegner. Aber nicht aus Angst vor einer angeblich unbeherrschbaren Technologie. Sondern weil es eine starke und saubere Alternative gibt, die nur wegen des grassierenden Lobbyismus in unserem Lande bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Unter unseren Füßen schlummert eine Menge an Energie, die von der Menschheit nicht in Millionen Jahren aufgebraucht werden kann. Dazu noch völlig emissionsfrei und ohne die Landschaft zu verschandeln. Sie muss nur genutzt werden. Während jedoch bisher alle möglichen und unmöglichen energietechnischen Torheiten nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gefördert wurden, mussten die Betreiber dieser Form der Energiegewinnung bis in das Jahr 2009 um die Förderungswürdigkeit ihrer Anlagen kämpfen. Dennoch macht die jüngere Entwicklung gerade hier im näheren Münchner Umland Grund zur Hoffnung. Bereits 2008 ging die Geothermie-Anlage in Unterhaching in Betrieb. Die Inbetriebnahme der Anlagen in Sauerlach, Dürrnhaar, Kirchstockach und Laufzorn bei Oberhaching soll dieses Jahr erfolgen. Taufkirchen ist für 2012 geplant, Bernried und Geretsried 2013. Diese Geothermieanlagen arbeiten mit Bohrtiefen von 3.000 bis über 5.000 Metern und liefern je 3,5 bis 5 Megawatt elektrische Leistung, zuzüglich Fernwärme. Das Ganze wie gesagt emissionsfrei und verlässlich bei Tag und Nacht. Auch bei völliger Windstille oder wenn mal kein Erdöl mehr geliefert werden sollte.

Ernsthaftes Potenzial für einen Atomausstieg ist also längst vorhanden. Es muss nur sinnvoll und flächendeckend eingesetzt werden. Einer großtechnischen Verwertung der Erdwärme im Gigawatt-Bereich sollte eigentlich auch nichts im Wege stehen. Zum Beispiel in der Vulkaneifel. Spitzenreiter bei der Nutzung der Geothermie sind übrigens die USA mit einer installierten Gesamtleistung von 3 Gigawatt, gefolgt von den Philippinen mit 1,9 und Indonesien mit 1,2 Gigawatt. Wenn die das können sollte es uns ein Leichtes sein.

Lesenswert: Vera Lengsfeld – Supergau in Politik und Medien

MfG
Hans

2 Antworten zu “Schrödingers Katze”

  1. Gilbert sagt:

    Mich wundert’s nicht mehr – die Zustände hier zu Lande, meine ich. Wenn ich mal zufällig bei den ca. 2 Gelegenheiten pro Woche, in denen ich überhaupt noch fernsehe, die Kiste zu früh einschalte oder einen falsche Sender erwische, stelle ich fest, dass selbst Sendungen, deren Vorläufer sich noch vor der Jahrtausendwende an den intellektuell aufgeschlossenen Durchschnittsbürger wandten, heute eine Klientel bedienen, deren IQ um mindestens 30 steigen muss, um den Schmelzpunkt von Eis zu erreichen. Einfach primitiv und geschmacklos.

    Nebenbei: vorausschauende Hamsterkäufe sind in, und wir sollten uns vielleicht ein paar alte Autoreifen auf Halde legen. Dann können wir noch per Rauchzeichen kommunizieren, wenn das Netz mangels beweglicher Elektronen und Photonen nicht mehr funktioniert.

  2. zdago sagt:

    @Experten
    hihi – so sind sie – unsere Experten – sie wissen genau, wie man es macht. gehe ich recht in der Annahme, daß alle diese Experten eines gemeinsam haben : sie sind am Betrieb eines Reaktors nicht beteiligt!
    Das mag unterschiedliche Gründe haben – und Inkompetenz mag nur einer sein – aber ich respektiere keinen Priester für ein Ehegespräch, keinen Eunuchen für ein Sex-Gspräch und keinen unbeteiligten Experten für eine analyse über Kernkraftwerke.
    Dabei haben sie in einem recht – die gewinnmaximierenden Manager der freien Marktwirtschaft haben gerade bei den Banken bewiesen, daß sie für komplexe Techniken wie Atomkraftwerke inakzeptabel sind – denn kaum haben sie ihr Geschäft in den Sand gesetzt, haben sie sofort den unbeteiligten Steuerzahler in Regress genommen – wer so arbeitet, darf kritische Techniken wie Atomkraftwerke nciht in die Hand bekommen.
    Und effektive Alternativen, die aus Gründen der Gewinnmaximierung von ihnen sabortiert werden, habe ich noch nicht einmal erwähnt.
    mfg zdago