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Karl Ranseier †Der wohl erfolgloseste Demonstrant aller Zeiten fühlte sich schon früh berufen, die Welt wachzurütteln. Gelang es seiner Mutter in den Anfangsjahren noch, ihn mit Brust oder Schnuller ruhig zu stellen, begann der aufwachsende Karl sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Er ging gegen alles auf die Straße. Gegen den Zahnwechsel, gegen Rosenkohl, gegen feuchte Träume, gegen Pickel, gegen unreine Haut. Sein erstes Demo-Transparent mit der Forderung: »Keine Mehrwertsteuer für Clearasil!«, setzte ein weithin sichtbares Zeichen. Ein Windstoß hatte es um den Kamin des Nachbarhauses gewickelt.

Fehlschläge waren Karl Ansporn. Das galt besonders in seiner Selbstfindungsphase. Zum Ausdruck des Protestes kettete er sich nacheinander an einen Deckenventilator, vor einen Wasserspeier, an eine Drehtür, an einen Dobermann. Von dieser Erfahrung geheilt begann Ranseier, seine Strategie zu überdenken und verlegte sich auf Sitzblockaden. Keine Sitzgelegenheit war vor ihm sicher. Hotelportiers, Taxifahrer, Kinobesitzer, Gastwirte waren ebenso ratlos wie Frau Müller aus der Steinstraße. Die Dauersitzblockade in einer Achterbahn kostete Karl fast seine ganzen Ersparnisse. Und 15 Kilogramm Körpergewicht.

Dann widmete er sich dem Schreiben von Protestliedern. Das höfliche Lächeln der Bewohner im benachbarten Gehörlosenwohnheim bestärkte seinen Glauben an die Kraft seiner Songs. Dabei entstanden so unvergessene Werke wie: »Frag nicht wo die Blumen sind«, »Karl der Kiffer«, »Mein Freund der Baum ist doof« oder »99 Bumerangs«.

Ranseier war nicht immer erfolgreich. Etwa beim Versuch, einen Schweigemarsch zu komponieren. Oder das Experiment eine Menschenkette anzufertigen, das ihm mehrere Klagen wegen Körperverletzung und zwei Jahre Freiheitsentzug auf Bewährung einbrachte. Seine Lichterkette für den Deutschen Wald war einmal mehr ein weithin sichtbares Zeichen – bis die Freiwillige Feuerwehr eintraf und das Schlimmste verhinderte. Eine 2006 von ihm veranstaltete Demonstration gegen den Vietnamkrieg endete bevor sie begann. Eine Mahnwache vor einer Metzgerei quittierte die Polizei mit einem Platzverweis. Die etwas zu verkopfte »Demonstration gegen Gegendemonstrationen« kam über das Planungsstadium nicht hinaus. Ebenso erging es seiner Aktion »Rettet die Aale!«. Wobei er im Nachhinein zugab, in beiden Fällen wohl das falsche Zeug geraucht zu haben. Anfänglich viel Zuspruch fand indes sein Motto »Freibier für Alle!«, was dann allerdings bei der örtlichen Gastronomie auf wenig Gegenliebe stieß.

Unter dem Eindruck dieser Pannen schloss sich Ranseier verschiedenen Demonstrantengruppen an und betätigte sich als Aktivist. Seine innovativen Einfälle wurden Legende. Im Bankenviertel vertrieb er Rentner und besetzte deren Bank. Gegen die Endlagerung von Automüll in der Nähe seiner Heimatstadt stellte er sich in eine hydraulische Schrottpresse, die noch nicht angeschlossen war. Bei der Blockade eines Castor-Transports kettete er sich an einen Baum. Zum Protest gegen die Preise im Nahverkehr warf er sich hinter eine fahrende Tram. Als es um die Renovierung eines Kinderspielplatzes ging, seilte er sich vom Klettergerüst ab und entrollte ein Transparent mit der Aufschrift: »Alle Macht den Infantilen«. Aktivist wurde zu seiner Berufung.

Karl Ranseier starb heute in den frühen Morgenstunden nahe Stuttgart, als er sich vom Portal eines Eisenbahntunnels abseilte. Der Lokomotivführer kam mit dem Schrecken davon.

In tiefer Trauer
Hans

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