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Charles Amédée Philippe van Loo - Marquis de Sade im Alter von etwa 20 JahrenDonatien-Alphonse-François Marquis de Sade (1740-1814) war ein adeliger Romancier in der Zeit der französischen Revolution. Eine geradezu tragikomische Gestalt. Während der Regierungszeit Ludwig XVI. saß er aufgrund seiner ausschweifenden und von Skandalen begleiteten Lebensart viele Jahre im Gefängnis. Zuletzt in der Pariser Bastille. Von dort soll er, wenige Tage vor ihrer Erstürmung, den aufgebrachten Demonstranten zugerufen haben: »Die töten die Gefangenen hier drin«. Woraufhin man ihn nach Charenton verbrachte. In das dortige Irrenhaus. 1790 kam de Sade in den Wirren der Französischen Revolution frei und begann sich politisch zu betätigen, indem er – obwohl adelig – den radikalen Jakobinern beitrat. De Sade bekleidete in jener Zeit sogar vorübergehend ein Richteramt und konnte seine ebenfalls adeligen Schwiegereltern vor der Guillotine bewahren.

Illustration in einer holländischen AusgabeSeine Tätigkeit in der nunmehr bourgeoisen Gesellschaft währte nicht lange. Schon bald wurde er unter einem Vorwand zum Tode verurteilt, entrann der Vollstreckung aber nach dem Sturz von Robespierre. De Sade verarmte. Nach 1789 konnte er sich nicht mehr an den Steuern und Abgaben des Volkes delektieren. Er musste arbeiten und das Einzige, was er offenbar konnte und wollte, war schreiben. Doch das Schreiben von Romanen – mit meist eindeutig pornographischem Inhalt – brachte nicht viel ein. Damit war er gezwungen den letzten Rest des noch übrig gebliebenen Familienbesitzes zu verkaufen.

Selbige Romane waren es letztlich, die ihn 1801 erneut ins Gefängnis brachten. Denn im napoleonischen Frankreich hatten sich zwar die Machtverhältnisse geändert, nicht aber die Vorstellungen von Sitte und Moral. 1803 wurde de Sade endgültig für verrückt erklärt und wiederum in das Irrenhaus von Charenton eingeliefert. Bis kurz vor seinem Tode durfte de Sade im Irrenhaus jedoch weiter an seinen schlüpfrigen Romanen schreiben, genoss zudem eine bevorzugte Behandlung. Um 1813/14 erhielt er auf Erlass des französischen Innenministeriums Schreibverbot und wurde in Isolationshaft gesteckt. Dort verstarb Marquis de Sade am 2. Dezember 1814 im Alter von 74 Jahren.

Romantisch, tragikomisch, melodramatisch; welche Schublade es sei, sie scheint zu passen. Falls nicht bereits geschehen, wäre de Sades Lebenslauf glatt einen abendfüllenden Historienfilm wert. Den Begriff »Sadismus« hat er übrigens selbst nicht geprägt. Auch ist es nicht wahr, dass de Sade das Originalmanuskript des Romans »Die 120 Tage von Sodom« aus sadistischen Motiven in einer so kleinen Schrift geschrieben hat. Ihm stand einfach zu wenig Papier zur Verfügung. Der Begriff »Sadismus« wurde erst Jahrzehnte nach dem Tode de Sades von dem deutsch-österreichischen Psychiater und Rechtsmediziner Richard von Krafft-Ebing erfunden. Letztgenannter spezifizierte den »Sadismus« nach medizinischen Kriterien als die Lust oder die Befriedigung – teils sexuell – die ein Mensch bei der Demütigung oder Peinigung Anderer empfindet. Wobei einfache Schadenfreude wohl eine Vorform oder zumindest milde Variante des Sadismus darstellt, ohne aktive Beteiligung des Sadisten.

In der heute offen gelebten Dekadenz und Abartigkeit bekam auch der Sadismus längst seine salonfähige Daseinsberechtigung. Nicht allein der sexuell motivierte. Wer hat nicht schon einmal die Gaffer gesehen, die an einen Unfallort eilen, sich am Leid Anderer ergötzen ohne auch nur einen Finger der Hilfe krumm zu machen. Gaffer, die auf der linken Autobahnspur besonders langsam fahren, damit sie nur ja jedes Detail mitbekommen, während sich auf der Gegenseite menschliche Dramen abspielen. Das ist eine Form von Sadismus; die Lust am Leid Anderer. Dazu zählt auch der Katastrophentourismus, wo ganze Busladungen von Menschen in Erdbeben- oder Überschwemmungsgebiete gekarrt, oder ganze Flugzeugladungen von Reisenden an die von einem Tsunami heimgesuchten Strände geflogen werden. Man möchte es nicht für möglich halten, aber das ist alles schon da gewesen.

Nicht zuletzt erfreuen sich Katastrophen- und Kriegsfilme oder Gewaltorgien in den Kinos eines konstant hohen Zuschauerstromes. Selbige befriedigen die sadistischen Triebe, die in so gut wie jedem von uns schlummern. Denn nicht nur das Irren, auch Sadismus ist menschlich. Offenbar ein alter Trieb, der zweifellos stärker und weiter verbreitet scheint als beispielsweise der Altruismus. Anders ausgedrückt: Es gibt mit Sicherheit mehr Sadisten auf der Welt, als Leute mit einem Mutter-Theresa-Komplex. Wobei sich für den modernen und aufgeklärten Menschen die Frage stellt, ob es noch zeitgemäß ist, sich unbewusst von so einem Trieb leiten zu lassen. Sollte man seinen innewohnenden Sadismus nicht lieber bewusst und kreativ ausleben? Im folgenden Text habe ich ein paar Vorschläge für verschiedene Lebenssituationen zusammengestellt.

– Die billigen Quizsendungen im Fernsehen, bei denen – bisweilen leicht bekleidete – Damen um einen Zuschaueranruf heischen, sind ein willkommenes Opfer für stillen Sadismus. Vorgehensweise: Man löst das zumeist simple Rätsel und ruft dann einfach nicht an. Schaut stattdessen grinsend der jungen Dame zu, wie sie sich den Mund fusselig redet. Oder gegebenenfalls auch das eine oder andere Kleidungsstück fallen lässt.

– Beim Autofahren schreit das Navigationssystem geradezu nach Sadismus. Vorausgesetzt es wird gerade nicht gebraucht, stellt man ein bestimmtes Ziel ein, aktiviert die Zielführung und fährt dann ganz woanders hin. Dabei beobachtet man mit verstohlener Häme, wie das System verzweifelt Route um Route neu berechnet, um den Fahrer auf den rechten Weg zu bringen.

– Rote Ampeln sind ein unvermeidbares Ärgernis für alle. Also machen wir doch das Beste draus. Wir halten eine Wagenlänge vor der Haltelinie und warten, bis die nachfolgenden Fahrzeuge zum Stillstand gekommen sind. Dann rücken wir erst um eine halbe Wagenlänge vor und beobachten grinsend im Rückspiegel, wie alle anderen mit gequältem Gesichtsausdruck nachrücken. Wenn die Kolonne dann wieder steht, fahren wir die zweite Hälfte vor.

– Das vorige Beispiel lässt sich auch umkehren, wenn wir auf jemand treffen der dieses Ampelspielchen mit uns spielen will. Dann rücken wir einfach nicht nach und grinsen statt dessen hämisch zurück.

– In Modehäusern geht es oft sehr geschäftig zu. Die meisten Leute sind dort so auf sich selbst fixiert, dass sie einen kleinen sadistischen Anschlag zu allerletzt erwarten. Vor allem in der Umkleidekabine. Wenn die Kabinen gut besucht sind, gehe man in eine der noch freien, ziehe den Vorhang zu und warte eine halbe Minute. Wer mutig genug ist, lässt ein paar Flatulenzen lautstark fahren und ein paar Sekunden verstreichen, um einen Spannungsbogen aufzubauen. Dann rufe man mit einem etwas hilflosen Unterton in der Stimme: »Wo ist denn hier das Klopapier?«

Toilettenpapier beidseitig benutzen– Apropos Klopapier: Manche Restaurants – häufig vegetarischer oder veganistischer Art – rühmen sich mit besonderer Umweltfreundlichkeit. Da lässt sich freilich noch einer draufsetzen, indem wir in den Toilettenkabinen selbst gebastelte Schildchen anbringen. Mit der Aufschrift: »Toilettenpapier bitte beidseitig verwenden! Der Umwelt zuliebe.«

– Etwas Senf unter die Türklinke geschmiert lässt denjenigen, der da rein greift, zugleich vermuten dass es offenbar wirklich jemand getan hat.

– Sadismus macht auch zu zweit viel Spaß. Das folgende Rollenspiel nennt sich: »Der Unbedarfte und der Entsetzte«. Es wird sinnvollerweise auf einer Flugreise gespielt. Wenn das Flugzeug abgehoben hat und die Anschnallzeichen erloschen sind kramt der »Unbedarfte« seinen Laptop hervor und fährt ihn mit lauter Begrüßungsfanfare hoch. Nach dem Anmelden sagt er gut vernehmlich zu seinem Nachbarn: »Du, mein Windows hat eine neue Hardware gefunden: Airbus A318*)«. Der »Entsetzte« sollte dann irgendetwas in der Art rufen wie: »Mensch, mach bloß aus! Das ist die Bordelektronik!«. Nach ein paar Sekunden sagt der »Unbedarfte« dann: »Guck mal, Windows meldet: Airbus A318, das Gerät kann jetzt verwendet werden«. Spätestens ab diesem Zeitpunkt dürfte jeder Tastendruck und jede Mausbewegung die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Mitreisenden und der Crew erreichen.
*) Der richtige Flugzeugtyp steht normalerweise auf den Sicherheitshinweisen in der Sitztasche.

Passagier mit GasCase– Gleichermaßen Spaß kann der Alleinreisende haben. Vorausgesetzt man hat Mut und ist entsprechend ausgerüstet, dann lassen sich die Grenzen zwischen Sadismus, Masochismus und Exhibitionismus mühelos verwischen. Der Benzinkanister auf dem Foto sieht nicht nur so aus, es ist einer. Zum Koffer umfunktioniert zwar, aber das sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an. Während sich der Trolley bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen als nicht ganz unkompliziert ausnimmt, macht es der Reisende den Kontrolleuren vermeintlich umso leichter. Auch ohne Nacktscanner. Was beim Personal wiederum den Verdacht nähren könnte, dass der Flugpassagier in spe sein Bombenversteck etwas tiefer gewählt haben könnte und den Benzinkanister-Trolley nur zur Ablenkung benutzt. Das Thema Masochismus werde ich vielleicht einmal an anderer Stelle behandeln.

– Nach der Reise wird im Büro sogar die Spesenabrechnung noch zu einem sadistischen Akt. Einerseits kann man auf das obligatorische DIN-A4-Blatt »versehentlich« eine fingierte Quittung über »sexuelle Gefälligkeiten« mit aufkleben. Was demjenigen, der die Rechnungen prüft, vermutlich erst einmal die Kinnlade auf den Tisch knallen lässt. Andererseits macht es einen Heidenspaß, das Blatt der zuständigen Kollegin zu überreichen und sobald sie es in Händen hält wie beiläufig zu erwähnen: »Vorsicht, hab ich mit Spucke geklebt«. Taxi, 40 Euro. Übernachtung, 120 Euro. Parken, 35 Euro. Der Gesichtsausdruck, unbezahlbar.

Es müssen nicht immer Ledermaske, Gummiknebel, Peitsche und Andreaskreuz sein. Mit ein bisschen Kreativität wird Sadismus so alltagstauglich, dass man ihn – mit Ausnahmen freilich – ausleben kann, ohne gleich auf schlüpfriges Terrain zu geraten. Der arme Marquis de Sade hat indes mit dem, was heute alles als Sadismus bezeichnet und wahrgenommen wird, nicht viel zu tun. Der wollte – möglicherweise in wirklich verwirrtem Geiste – nur seine erotischen Phantasien als Romane verpackt unter die Leute bringen.

MfG
Hans

Eine Antwort zu “Sadismus”

  1. Gilbert sagt:

    Hier noch eine Partnerübung: Partner 1: „Quäl mich! Quäl mich!“ – Partner 2: „NEIN !“