Diese Webseite verwendet im Normalbetrieb keine Cookies. Es sei denn, Sie schreiben hier Kommentare. Oder Sie versuchen sich anzumelden.cookies policy.     HABS KAPIERT

Bombenalarm am Münchener Flughafen. Alles war da. Ein Flughafen, die Polizei, Sicherheitsangestellte, mögliche Opfer. Was man so für einen zünftigen Bombenanschlag braucht. Halt nein, nicht alles war da. Was fehlte? Richtig, ein Bombenleger und die unvermeidliche Bombe. Die waren nicht da. Und ohne geht’s nicht. Gut, Bombenalarm geht natürlich immer. Aber kein Bombenanschlag, wenn Akteur und Betriebsmittel fehlen.

Es ist immer wieder das gleiche Prozedere. Man kommt im Terminal an die Sicherheitsschleuse. Packt seinen Laptop aus und legt ihn in ein Plastikbehältnis, das sogleich in einen Detektor-Tunnel wandert. Laptoptasche hinterher. Dann kommen in einen weiteren Behälter der Mantel, gegebenenfalls das Sakko, Mobiltelefon, Feuerzeug, Schlüssel, alle Utensilien die eventuell Metall enthalten könnten. Je nach Flughafen muss der Gürtel abgelegt werden. Wenn’s blöd läuft auch die Schuhe, wie in den USA gerne praktiziert. Danach spaziert man durch ein Scanner-Portal und falls man irgendetwas in der Hosen-, Hemden- oder Werweißwas-Tasche vergessen hat, macht es piep oder bing. Woraufhin der Betreffende mit einem Metalldetektor abgetastet und auch noch mit Händen betätschelt wird. Doch selbst wenn sich das Portal nicht meldet, ist man den gleichermaßen mies bezahlten wie mies gelaunten Sicherheitsmitarbeitern ausgeliefert. Vorletzten Montag, vor dem Flug nach Amsterdam, griff mir so ein Ferkel sogar vorn und hinten in die Hose. Wenn ich an dieser Stelle beiläufig erwähne, dass Flugreisen nicht gerade auf der Hitliste meiner liebsten Erfahrungen stehen, wird sich jeder denken können warum.

Millionen Fluggäste müssen diese Schikane, die eher wie die Behandlung in einem Hochsicherheitsgefängnis anmutet, pro Tag über sich ergehen lassen. Sprengstoff wird nie gefunden. Obwohl die Sensoren in den Detektor-Tunneln mehrmals in der Stunde Alarm schlagen. Denn zum Beispiel Schokolade und manche Sorten von Haarwaschmittel haben für den hochempfindlichen Detektor eine ähnliche Signatur wie der Plastiksprengstoff Semtex. Auch mache Laptop-Akkus sollen die Sensoren in eine Bombenstimmung versetzen, wie mir kürzlich jemand erzählte. Für gewöhnlich wird dann das Transportband des Tunnels angehalten und die Objekte nochmals durchgefahren. Beim zweiten Durchgang etwas langsamer und genauer. Und wenn das alles immer noch zu verdächtig erscheint fordern die Angestellten den Flugreisenden auf, seine Laptop- oder sonstige Tasche zu öffnen um einen Blick hinein zu werfen. Ist mir auch schon passiert.

So geschehen auch wieder am Mittwoch, den 20. Januar 2010, gegen 15:25 Uhr im Terminal 2 des Münchener Flughafens. Da wollte eine Bedienstete den Inhalt der Tasche eines etwa 50 Jahre alten Mannes inspizieren. Doch der hatte zwischenzeitlich seine Habe schon wieder eingesammelt, Kleidungsstücke angelegt, Laptop in die Tasche gesteckt und entfernte sich eiligen Schrittes. Vermutlich hatte er es eilig und wollte seinen Flug nicht verpassen. Er stiefelte unerkannt an den dort immer bereitstehenden Polizisten vorbei, erreichte unter Umständen noch seine Maschine – welche, weiß niemand – und war dann vielleicht mal weg. Langsam, ganz langsam, geradezu Rudolf-Scharpinghaft langsam begann aber nun die detailliert ausgeklügelte und sündhaft teure Sicherheitsmaschinerie im Terminal 2 des Münchener Flughafens anzulaufen.

Das Terminal wurde gesperrt. Fluggäste, Ladenbetreiber, Flughafenangestellte, alle mussten aus dem Sicherheitsbereich raus. Auch die bereits in den Flugzeugen saßen, die noch nicht auf dem Rollfeld waren. Der Sicherheitsbereich wurde auf den Kopf gestellt und von oben bis unten abgesucht. Resultat nach dreieinhalb Stunden: Keine Bombe, kein Bombenleger. Die Fluggäste durften dann oben geschildertes Prozedere noch einmal über sich ergehen lassen. Unnötig zu erwähnen, dass der als Bombenleger inkriminierte Reisende nicht mit dabei war. Oder zumindest nicht erkannt wurde. Die dort installierten Überwachungskameras sind nicht gerade für die Qualität ihrer Portrait-Fotos berühmt. Vielleicht weiß der Betreffende noch nicht einmal etwas von seinem »Verschulden«. Jetzt war ich fast versucht zu schreiben, »diese ganzen Sicherheitsvorkehrungen an den Flughäfen sind für’n Arsch«. Was sich natürlich nicht gehört, also lasse ich es.

Woher kommt eigentlich dieser Verfolgungswahn, dieses geradezu paranoide Sicherheitsbedürfnis? Ganz einfach. Das kommt daher, dass es auf diesem Planeten ein paar Staaten gibt – ich will ja keine Namen nennen -, die sich benehmen wie der Rotz am Ärmel. Diese Staaten haben sich zu einer Art Weltpolizei aufgeschwungen und bomben nach Lust und Laune in Regionen, die sie eigentlich gar nichts angehen, Freiheit und Demokratie herbei. Schicken ferngesteuerte Kampfflugzeuge in die entlegensten Winkel der Erde und knallen damit Menschen ab, häufig noch nicht einmal die die sie zu treffen beabsichtigten. Die dort lebenden Menschen würden sich verstehbarerweise gerne revanchieren und ihren Befreiern ebenfalls Freiheit und Demokratie in ähnlicher Weise zuteil werden lassen. Wie du mir so ich dir. Davor hat man in der westlichen Welt zweifellos Angst.

Aber muss ich mich als vollkommen harmloser Durchschnittsbürger deswegen wie ein Verbrecher behandeln lassen, jedesmal wenn ich in ein Flugzeug will. Andererseits; wieso eigentlich Flugzeug? Eine Bombe in einer gut besuchten Disko, einem gut besuchten Kino oder sonst irgendwo, wo sich viele Menschen aufhalten, würde auch viele Menschenleben dahinraffen. Aber hat man da schon einmal Sicherheitskontrollen dieser Art erlebt? Warum gibt es dort keine? Weil es sich erstens nicht rechnet und zweitens die Wahrscheinlichkeit gegen Null tendiert, dass es zu einem Bombenanschlag kommt. Letzteres gilt auch für Flughäfen, aber da rechnet es sich wenigstens. Da kann man einen aufgeblasenen Sicherheitsapparat aufbauen und nach Herzenslust abkassieren. Der ängstliche Fluggast zahlt nur zu gerne für seine Sicherheit. Doch wieviel dieser ganze Sicherheitsklamauk wert ist, haben wir nicht zuerst und nicht zuletzt vorigen Mittwoch gesehen.

Nachtrag 23:42 Uhr
Nachdem ich gerade in der Zugriffsstatistik sehe, dass dieser Artikel seltsam oft aufgerufen wird, fühle ich mich genötigt zu bemerken: Ich war’s nicht. Auch wenn das Täterprofil passen würde: »um die 50 Jahre alt, reist mit Laptop und dazu gehöriger Tasche«. Ich bin diese Woche zwar geflogen, aber am Montag nach Köln, vom Terminal 1 und ohne besondere Vorkommnisse. Mittwoch Nachmittag war ich in meinem Büro in München, dafür gibt es Zeugen. Wollte das nur klargestellt sehen. Nicht dass mir gleich ein Überfallkommando die Tür eintritt.

MfG
Hans

4 Antworten zu “Haltet den Reisenden”

  1. Gilbert sagt:

    Hallo Hans,

    du könntest ja mal beim nächsten Mal lautstark drauf hinweisen, dass du Homosexuell bist und dir verbittest, dich von einem notgeilen Kerl begrabschen zu lassen. Die sollen dir gefälligst eine Beamtin (eine von den jungen, die noch nicht zu sehr nach Kerl aussehen) zum Abtasten schicken. 😉

    Vielleicht könnte man andererseits auch mal eine alte Idee aus meiner Jugend wieder aufgreifen, als Flugzeugentführungen groß in Mode waren. Wir hatten damals auf einem zugegeben sehr bierseligen Abend überlegt, ob wir nicht als Einstieg eine Straßenbahn nach Cuba entführen sollten …

  2. Hans sagt:

    Hallo Gilbert,

    das mit dem homosexuell lasse ich lieber sein. Das ist doch heute schon fast jeder, weil’s in ist. Aber Mainstream war nie mein Ding. Sadist, das wäre schon eher was. Da hätte ich ein paar grandiose Ideen. Auch für den Flughafen. 😉

    Auf die Idee mit den Straßenbahnen wäre ich nie gekommen. Wusste gar nicht, dass die fliegen können. Aber ok, man lernt ja gerne dazu. Für mich stellt sich nur zunächst die Frage: Wie wolltet ihr das mit dem Verlängerungskabel machen?

    MfG
    Hans

  3. Gilbert sagt:

    Die Idee war eigentlich eher, dass der Straßenbahnfahrer ohnehin nicht gewusst hätte wo Cuba liegt, und der Ausflug dann irgendwie in der Düsseldorfer Altstadt oder im Oberhausener Puff geendet hätte. Bis dahin gab es jeweils Schienen und Oberleitung …

  4. Würde irgendjemand auf die Idee kommen, sagt:

    […] Hans berichtet ->hier über menschenrechtswidrige, weil die Würde ankratzende Zustände auf Flughäfen, die ein […]